Einführung in das Steinmüller-Universum

Steinmueller Universe - Don't Panic!

Viele SF-Autoren haben eine eigene „Zukunftsgeschichte“ entwickelt – eine Abfolge von künftigen Ereignissen, die die Folie bilden, vor der die meisten ihrer Werke spielen. Der folgende fiktive Text aus einer fernen Zukunft, der dem Band „Warmzeit“ entnommen ist, gibt einen Eindruck von Hintergrund des „Steinmüller-Universums“. 

  

 


 

Kurzinfo Weltraumkolonisation

 

 

Zur Vor- und Frühgeschichte der Flotte

 

Wenn Sie diese Datei aufrufen, wollen Sie etwas über die Vor- und Frühgeschichte der Weltraumbesiedelung durch den Menschen (homo sapiens sapiens terrestris) und über die alte Relativistische Weltraumflotte (kurz „Flotte“) erfahren. Wahrscheinlich befinden Sie sich gerade nur einige tausend Lichtjahre von der Erde (Terra) entfernt und sind durch Zufall auf Überbleibsel jener Epoche, möglicherweise sogar auf eine Weltraumarche oder eine Koloniewelt gestoßen. Das ist kein Grund zur Panik. Im Anhang finden Sie die entsprechenden Protokolle für den Umgang mit derartigen Situationen. Kleinere automatische Sonden ohne selbstbewußte Künstliche Intelligenz dürfen Sie ohnehin – schon im Sinne der Galaktischen Reinigungsordnung – einsammeln.

Im Folgenden sollen Ihnen, ohne zu ausführlich Details zu schildern, die grundlegenden Zusammenhänge aus jener entfernten Epoche, da man noch mit Unterlichtgeschwindigkeit durch den Raum reiste, nahegebracht werden.

 

Fast ein dunkles Zeitalter

Manches liegt im Dunkeln. Wir wissen viel über das 20./21. Jahrhundert alter terrestrischer Zeitrechnung, Terabyte von Daten, wir kennen die machtpolitischen Konstellationen am Ende der Ära der Nationalstaaten, unsere Historiker beschreiben den Zusammenbruch von Gesellschaftssystemen, die sog. Amerikanisierung der Welt und den Widerstand dagegen. Wir haben eine recht genaue Vorstellung von der Technologieentwicklung – von früher Atomkraft, von der raschen Miniaturisierung der Intelligenztechniken, von Biotechnologien, Cyborgisierung und techno-organischer Synthese. Wir können die wachsenden Umweltprobleme in den Sedimenten nachlesen: globale Erwärmung, Aussterben von natürlichen und Aufkommen von künstlichen Arten, beginnendes Quintär. Aber! So viel wir über das 21. Jahrhundert auch wissen, so wenig sagen uns doch die überlieferten Daten zu den Motiven, die die Erd-Menschen immer weiter vorantrieben – nach Jahrzehnten relativen Stillstands sogar wieder ins All. War es nur der Wettlauf zwischen dem asiatischen und dem amerikanischen Kontinent? Der Verwertungsdrang des Kapitals, der auf dem begrenzten Planeten nicht mehr befriedigt werden konnte? Oder war der Drang nach oben und außen tief im gesamten Zug der Technologieentwicklung angelegt? Diese hatte sich ja nach der Phase der frühen Raumfahrt im 20. Jahrhundert fast vollständig in den Cyberspace gekehrt, Simulationen, Avatare und Netz-Phantome zogen die Aufmerksamkeit auf sich. Daß die Computer- und Internetevolution einmal in einen Sättigungsbereich auslaufen sollte, schien den meisten unvorstellbar. Und die evolutionären Potentiale der Biotechnologien – auch für den homo sapiens selbst – wurden wiederum unterschätzt. Zugleich brach fast plötzlich eine menschgemachte Warmzeit über den Alten Planeten herein, rief zunehmende politische und soziale Konflikte hervor, drückte die Weltwirtschaft und kostete Millionen das Leben ...

Just zu dieser Zeit, in der der Menschheit die Puste auszugehen schien, als die Bevölkerung der Erde erstmals seit dem Mittelalter wieder in eine Stagnations- und Schrumpfungsphase lief und massiv alterte, und Länder wie die Europäische Union demographische Rettungsprogramme entwarfen, beginnt die Besiedelung des Alls.

 

Mikroben, Roboter und Belter

Bekanntlich besiedelten irdische Mikroben – als Trittbrettfahrer von unbemannten Sonden – das Sol-System und seine nähere Umgebung zuerst. Ihnen folgten im frühen 21. Jahrhundert die Roboter, anfangs erkundend, dann allmählich, um die gewaltigen Stoff- und Energieressourcen des Sonnensystems zu erschließen. Damals bedurfte es gewaltiger Anstrengungen, um den Gravitationstrichter der Erde überhaupt zu verlassen; nur wenige Menschen hatten, sei es beruflich oder als Weltraumtouristen, diese Chance. Zwischen den Planeten aber war man frei, nur den Gesetzen der Himmelsmechanik unterworfen. Der Mond bot sich als ein erstes Sprungbrett an, Mars und Venus als Zwischenstationen. Aber erst der Asteroidenbergbau leitete die eigentliche Kolonisation des Sonnensystems ein. Primitive Raketen mit chemischen, ionischen oder nuklearen Impulstriebwerken brachten auf endlos langen Flügen die ersten Menschen in die neue Welt des „Belts“. Lastschiffe mit riesigen Sonnensegeln transportierten die gewonnenen Mineralien zurück in das „innere System“. Flugzeiten von mehreren Jahren waren keine Seltenheit. Wäre die Weltwirtschaft nicht ohnehin in eine Phase mit geringen Renditen und sehr langen Rücklaufzeiten geschlittert, hätte wohl kein Konzern jemals Geld in den Belt investiert!

Wen wundert es, daß die neuen Bürger des Alls eine eigene Mentalität entwickelten, die sich grundlegend von der hektischen Einstellung der Millenniumswende unterschied? Sie orientierten sich auf lange Frist und waren doch stets auf plötzliche Schocks – technisches Versagen, Meteoriten etc. – gefaßt. Wir können in ihnen, den „Beltern“, die Geisteshaltung erkennen, die später die Flotte auszeichnen sollte.

Der Gedanke allerdings, irgendwo in erreichbarer Umgebung des Sol-Systems auf außerirdisches Leben, womöglich vernunftbegabtes Leben, zu stoßen, war weit zurückgetreten.

 

Gerichtete Panspermie

Wir wissen nicht, woher die sog. Erbauer ihre Inspiration nahmen und woher die enormen Mittel für die Panspermie-Schiffe kamen. Man muß sich das vorstellen: Damals verfügte die Menschheit – trotz Belt – noch nicht einmal über die vollen Ressourcen eines einzigen, ihres Planeten! Die globale Wirtschaft, auch das globale politische System standen mehrmals kurz vor dem Zusammenbruch, die Naturkatastrophen nahmen zu, ein Teil – der besser finanzierte Teil – der Menschheit kapselte sich in unterirdischen vollautomatisierten Städten ab, ein anderer Teil sah sein Lebensziel in einer Art Quasi-Unsterblichkeit, andere ließen sich einfrieren oder versuchten, in eine angeblich bessere Zukunft zu entfliehen ...

Und doch fand diese Menschheit die Kraft, die Fesseln ihres Planeten zu sprengen. In die Vor- und Frühgeschichte der Flotte wird ja vielerlei hineingedeutet. Nach der einen Interpretation läuft die gesamte Entwicklung der Menschheit darauf hinaus, die Mittel zu schaffen, die für eine Besiedelung des Kosmos notwendig sind. Nach der anderen Interpretation hat sich der Weg in das All eher zufällig ergeben, durch die verschwörerischen Anstrengungen einer kleinen Menschengruppe, deren Wünsche durchaus nicht mehrheitsfähig waren. Nach der dritten handelt es sich um einen pathetischen Akt des Überlebens, durchgeführt von einer Zivilisation, die ihr nahes Ende befürchtete ...

Fakt ist, daß um 2100 alter Zeitrechnung insgesamt vier „Aussaat-Schiffe“ gebaut und gestartet wurden. Da Reisezeiten von mehreren zehntausend Jahren ins Auge gefaßt werden mußten, verbot sich selbst das Konzept des Generationsschiffs: Keine kleine und abgeschlossene menschliche Gesellschaft ist hinreichend lange stabil. Also griffen die Erbauer zur letzten Option, sandten tiefgefrorene befruchtete Eizellen aus. Am Ziel der Reise sollten Roboter aus ihnen eine neue Menschheit heranziehen.

 

Koloniewelten

Zweimal, mindestens zweimal, gelang dies.

Über die Welt Spera ist, seit ihrer Wiederentdeckung im 41. Jahrhundert a. Z., viel bekannt geworden. Geschichten vom Kampf gegen die „Drachen“, negativ empathischen Landamöben, werden heutzutage schon Kleinkindern und jungen Künstlichen Intelligenzen erzählt. Niedergang und Wiederaufstieg der speranischen Zivilisation sind ein beliebtes Thema für Gesellschaftstheoretiker, und nach den Ereignissen in und um die speranische Stadt Miscara sind auch die Träume verstärkt wieder ins öffentliche – und wissenschaftliche! – Interesse gerückt. Daher kann an dieser Stelle auf nähere Ausführungen verzichtet werden.

Ein zweites Schiff wurde, Jahrhunderte bevor es sein Ziel erreichte, von der Flotte aufgebracht, ein Geschehnis, das zu seiner Zeit viel Lärm auslöste. Kritiker der Flotte behaupteten, daß niemand außer den Erbauern selbst das Recht hätte, ein Panspermie-Schiff zu stoppen und so in die kosmische Evolution der Menschheit einzugreifen. Den Historikern aber ermöglichte dieses Schiff einen Blick tief in die Geschichte der Menschheit.

Kompliziert wird die Situation durch den Erfolg der dritten Schiffs und der von ihm besiedelten Welt Andymon 1. Dort gelang es noch der Generation der Schiffsgeborenen, ein weiteres Aussaat-Schiff zu bauen und auf den Weg zu bringen. Wenn also die Vision der Erbauer, eine kosmische Evolution auszulösen, aufgeht, werden wir noch in Jahrzehntausenden einer ständig wachsenden Anzahl langsamer Weltraumarchen begegnen, die hier und da völlig unabhängig von allen galaktischen Kolonisations-Masterplänen und abseits der großen Schnellverkehrsrouten eine Welt besiedeln und ihr den Stempel eines gruppenorientierten Gesellschaftsmodells aufdrücken, wie es sich auf Andymon selbst gefestigt hat – allerdings nicht zuletzt, weil die frühzeitige (Wieder-)Entdeckung des Planeten durch ein Schiff der Relativistischen Flotte wenige Generationen nach der Erstbesiedlung die Andymonier vor dem Schicksal Speras bewahrte.

Vom vierten Schiff ist nicht einmal sein Zielstern bekannt. Vielleicht haben Sie es ja gerade entdeckt.

 

Die erste relativistische Zivilisation

Wie fast alle Großleistungen der Menschheit entstand auch die Flotte aus einer Krisis heraus.

Um 2400 alter Zeitrechung suchten neuerliche techno-ökologische Katastrophen die Erde heim. Im Kampf gegen die entfesselte künstliche Natur verloren die verschiedenen terrestrischen Menschen- und Cyborgarten weitgehend das Interesse am Kosmos. Die Menschheit war dabei, sich in eine zentripedale Fraktion, fixiert auf die Erde, und eine zentrifugale, kosmische Fraktion aufzuspalten. Fast über Nacht waren die Kolonien im Belt und auf den Planeten mehr oder weniger auf sich selbst angewiesen. Mangels Nachschub mußten die Stationen auf den Neptunmonden Triton und Nereide aufgegeben werden, innerhalb des Erdorbits kam der Verkehr fast zum Erliegen. In dieser Krisenzeit gelang es einem winzigen Koordinierungsteam, die versprengten Weltraumaktivitäten zusammenzuführen und nach einigen Jahren heftiger Diplomatie eine erste „Solare Union“ ins Leben zu rufen, die sich anfangs noch an dem Modell einer Staatengemeinschaft orientierte. Dies war der Anfang der Flotte. Um national-ethnische Rivalitäten auszuschließen, wurde die ausgestorbene Sprache Latein zur kosmischen Amtssprache erklärt. Es heißt, man hätte schon damals ihre besondere Eignung für sehr langfristige Verwaltungsvorgänge erkannt. Wie dem auch sei: Sie hat sich in der Zwischenzeit auch als Umgangssprache für Menschen aus unterschiedlichen Jahrhunderten durchgesetzt.

Während die Erde unter den „Gärtnern“ allmählich aus der Krise geführt und das globale Ökosystem wiederhergestellt wurde, begann die Flotte mit einer langsamen, doch beständigen Expansion. Langsam, denn die Schiffe flogen lediglich mit Bruchteilen der Lichtgeschwindigkeit. Beständig, denn die Flotte plante von Anbeginn an nicht in Jahren, sondern in Jahrhunderten – dem damals typischen Zeitraum für eine Mission zu anderen Fixsternen. Man ließ sich in „Kältesärgen“ einfrieren und hoffte darauf, am richtigen Ort und zur richtigen Zeit reanimiert zu werden und dann noch über einen intakten Körper zu verfügen ... Und, wenn man zurückkehrte, dank Latein die Zukunftswelt noch zu verstehen.

 

Eine langsame Schockwelle

In der Summe breitete sich die Zivilisation der Flotte mit weniger als einem Zehntel der Lichtgeschwindigkeit durch den galaktischen Spiralarm 3b aus. Einzelne Forscher eilten ihr bisweilen in etwas schnelleren Schiffen vorauseilen, erkundeten Fixsterne und ihre Systeme und den Raum zwischen diesen und stießen sogar in einigen wenigen Fällen auf anderes Leben, aber das wirkte sich wenig auf den Marsch der Karawanen aus. Hin und wieder überholten miniaturisierte Robotersonden, von starken Lasern auf 0,5 c beschleunigt, die Forscher noch. Aber ihre Erkenntnisse wurden erst nach Jahrhunderten benötigt. Die Entfernungen selbst bildeten eine Barriere für Innovationen, die nicht schneller als mit c an die Peripherie gelangten; die schiere Größe des erschlossenen galaktischen Volumens verzögerte den Fortschritt.

In dieser Epoche einer langsamen Ausbreitung wurde auch der Sumpfplanet Pulaster entdeckt, den Romantiker bald zum idyllischen Gegenmodell für die „übertechnisierte“ Erde stilisierten: Die Hrengeng, die vernunftbegabten Saurier Pulasters, lebten und leben in einer – wie es scheint – ewigen Steinzeit. Ohne jeden Drang voran haben sie sich auf ihrem verregneten Planeten eingerichtet. Die Integration kleiner Gruppen von Hrengeng hat zwar die irdische Kolonie auf dem Planeten merklich verändert, doch die Abwanderung der unkonventionellsten Individuen in die so entstandene „Spina-Synarchie“ hat die traditionelle Hreng-Gesellschaft eher noch stabilisiert. Es ist nicht ausgeschlossen, daß noch zahlreiche weitere derart in sich gekehrte Zivilisationen existieren.

 

Die durchlöcherte Galaxis

Seit wir es gelernt haben, Raum-Zeit-Singularitäten für unsere Reisen zu nutzen, hat die Galaxis eine neue Topologie erhalten. Wir springen von Spiralarm zu Spiralarm, schauen ab und zu bei alten Flottenplaneten vorbei, bewundern die riesigen Schiffe aus tiefer Vergangenheit – und sind schon wieder unterwegs zum nächsten Treffpunkt irgendwo hinter der Kleinen Magellanschen Wolke. Die Entfernungen zwischen den Gestirnen sind uns gleichgültig geworden, solange sie nur mit ein paar Sprüngen zu erreichen sind. Was dazwischen liegt, der „wilde Raum“, interessiert uns nicht. Allenfalls jammern wir darüber, daß wir schon wieder zu viele Stellareinheiten Energie verbraucht haben – und Kosmosschützer warnen, daß sich die galaktische Rotation bereits merklich verlangsamt hat. Die Milchstraße ist nicht mehr, was sie zu Zeiten der alten Menschheit und der Relativistischen Flotte einmal war. Bei Lichte besehen betreiben wir statt der Raumfahrt Lochfahrt. Fix und gefahrlos. Und lassen links liegen, was sich mehr als eine Tagesreise abseits der Trassen befindet.

Bedenken Sie dies, falls Sie tatsächlich auf Menschen oder Roboter aus der Vor- und Frühzeit stoßen: Für jene ist die Galaxis noch ein schier unermeßlicher Raum voller unbekannter Gefahren und voller unbekannter Wunder.

 

 

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